Praxistipps für Fachpersonen 

Die lösungsorientierte Beratungsperson


Gemäss Bamberger (2015) ist eine lösungsorientierte Beratungsperson:

  • Promotor für die Zukunft
  • Entwickler von Möglichkeitssinn
  • Aktivierer von Ressourcen
  • Kompagnon für Kooperation
  • Ermutiger für den ersten Schritt
  • Bewunderer von Autonomie
Das heisst, die Beraterin oder der Berater
  • fokussiert auf die Zukunft;
  • lädt zu Neuinterpretationen ein und regt die Phantasie an;
  • identifiziert und benennt Ressourcen, Stärken, Positives, Gelingendes;
  • unterstützt sein Gegenüber, selbst Lösungen zu entdecken und zu kreieren;
  • begleitet erste Schritte;
  • unterstützt die Selbstverantwortung und fördert die Selbstwirksamkeit.
Die Aufgabe der Beratungsperson ist es nicht, "Problemlösende" zu sein, sondern zuzuhören sowie lösungs- und ressourcenorientierte Fragen zu stellen, damit das Gegenüber Zielvisionen und Lösungsideen entwickeln kann. Beispiele finden Sie bei den Fragetechniken.




Ziele und Fragen fürs Erstgespräch


Das Erstgespräch stellt in vielen Fällen die Weichen für den weiteren Verlauf eines Beratungsprozesses. Es hat folgende Ziele:

  • Die Anliegen für die Zusammenarbeit erkunden (Auftragsklärung).
  • Sich emotional aufeinander einstimmen, den Aufbau einer tragfähigen und vertrauensvollen Beziehung beginnen (Pacing).
  • Das erwünschte Ergebnis aus der Zusammenarbeit erkunden (Zielklärung).
Fragen Sie die Klientin/den Klienten auch, ob Vorerfahrung mit Beratung, Therapie oder Ähnlichem besteht. Falls ja: "Was war hilfreich, wertvoll, wichtig, das wir auch bei unserer Zusammenarbeit beachten sollten?". Falls nein: "Wie sieht aus Ihrer Sicht eine erfolgreiche Beratung aus? Was wünschen Sie sich? Was wollen Sie lieber nicht?"

Hilfreiche Fragetechniken für das Erstgespräch sind:

  • Auftragsklärungs-Fragen
  • Coping-Fragen, Ressourcen-Fragen
  • Ziel-Fragen, Wunderfrage
  • Skalen-Fragen, Ausnahme-Fragen, Lösungsversuchs-Fragen
  • Bewahrenswertes-Fragen, Auswirkungs-Fragen

Zögern Sie nicht, für die Ausarbeitung des erwünschten Ergebnisses viel Zeit und Geduld aufzuwenden (auch in Folgesitzungen). Je klarer das Erwünschte und dessen Nutzen ist, desto einfacher lassen sich Lösungsschritte ableiten.




Typische Phasen einer lösungsorientierten Beratung


Ein lösungsorientierter Beratungsprozess kann anhand von fünf Phasen umschrieben werden: 1. Synchronisation: "Brücke bauen"

  • Auftragsklärung
  • gegenseitiges Kennenlernen, Einstimmung
2. Lösungsvision: "Möglichkeitenland"
  • Klienten-Vorstellung der problemgelösten Situation (Ziel, Vision) genau erkunden
  • mögliche Lösungen entwerfen
3. Lösungsverschreibung: "weg vom Problem, hin zur Lösung"
  • Lösungsstrategien reflektieren und konstruieren
  • sinnvolle nächste Schritte abwägen und festlegen
4. Lösungsevaluation (Folgesitzung): "wertschätzende Bewertung"
  • Standortbestimmung, was sich in der Zwischenzeit verbessert hat und wie dies gelungen ist
  • nächste Schritte erarbeiten und festlegen
5. Lösungssicherung: "Ende der Beratung"
  • Selbstverantwortung für das Fortschreiten der positiven Veränderung aktivieren
  • Beratung abschliessen, wenn die Klientin/der Klient wieder Fuss gefasst hat und Schritt für Schritt vorankommt
Ausführliche Informationen zu den einzelnen Phasen liefert Bamberger (2015).




Heimatsystem vs. Beratungssystem


Bei der Wahl von Interventionen und Fragetechniken (vor allem bei der Zielklärung und Zielüberprüfung) ist es sinnvoll zwischen Heimatsystem und Beratungssystem zu unterscheiden:

  • Heimatsystem = das Leben, das Zuhause, der Alltag der Klientin/des Klienten
  • Beratungssystem = die Zusammenarbeit, die Beratung
Das Beratungssystem ist nur dann sinnvoll und nützlich für die Klientin/den Klienten, wenn es den Zielen im Heimatsystem dienlich ist. Das Beratungssystem sollte also um die Ziele im Heimatsystem herum organisiert werden:
  1. Was ist die erwünschte Veränderung in Ihrem Leben?
  2. Wie kann unsere Zusammenarbeit dazu beitragen?
Das Beratungssystem ist Mittel zum Zweck und niemals Selbstzweck. Interventionen und Fragetechniken können noch so perfekt sein. Wenn Sie dem Lebenskontext der Klientin/des Klienten nichts bringen, sind sie nutzlos. Der Fokus liegt daher immer auf dem Nutzen im Heimatsystem, mit regelmässiger Überprüfung der Zieldienlichkeit.




Überprüfung der Zieldienlichkeit


Im Beratungsverlauf ist es wichtig, immer wieder Bilanz zu ziehen, inwiefern die Beratung für die Klientin/den Klienten dienlich ist. Erlebt der Klient Verbesserungen oder Rückschritte bezüglich seiner Ziele? Erlebt die Klientin die Interventionen nützlich oder hinderlich für Lösungsschritte in Richtung des Erwünschten? Jede Information – auch über nicht gewünschte Prozesse – ist sehr wichtig, da sie Informationen über wichtige Bedürfnisse enthalten kann. Fragen Sie immer wieder direkt nach: "Wenn wir so zusammenarbeiten, kommen Sie dann Ihrem Ziel näher oder nicht?" Reaktionen auf verschiedene Antworten (Hargens, 2010):

  • Ja: "Das ist wunderbar!", und fahren Sie fort ...
  • Nein: "Vielen Dank für diese klare Rückmeldung. Was muss jetzt hier geschehen, damit Sie Ihrem Ziel näher kommen?"
  • Weiss nicht: "Das ist auch nicht immer ganz so einfach mit 'ja' oder 'nein' zu beantworten. Wenn Sie meinen, dass es gar nichts bringt, kann ich mich darauf verlassen, dass Sie mir das dann klar sagen würden?"




Was tun, wenn's stockt?


Wenn ein Beratungsprozess ins Stocken gerät, lohnen sich folgende Überlegungen:

  • Ist der Auftrag für die Beratung geklärt? > Inspiration: Anliegen klären
  • Liegt eine (attraktive) Zielvision vor? > Inspiration: Zielvision
  • Handelt es sich bei den Visionen, Zielen, Lösungen um Vorstellungen und Ideen der Klientin/des Klienten? Oder sind diese von aussen beeinflusst? Falls Letzteres: Was sind die Ziel- und Lösungsideen der Klientin/des Klienten?
  • Sind die nächsten Schritte zu gross, zu schwierig? > Inspiration: Lösungsschritte, Handeln
  • Gibt es Widerstände von Seiten der Klientin/des Klienten? Diese geben allenfalls nützliche Informationen im Sinne von: Es geht zu schnell, es geht in die falsche Richtung oder etwas Wichtiges wird nicht beachtet. Fragen Sie danach.
  • Kämpft die Klientin/der Klient mit Ambivalenz? > Inspiration: Ambivalenzcoaching
  • Besteht kaum Hoffnung und Zuversicht auf eine positive Veränderung? Dann kann das Erlangen oder Wiedergewinnen von Hoffnung, Mut, Kraft, Zuversicht ein erstes Ziel sein.
  • Gibt es (unbewusste) erwartete negative Auswirkungen, denen sich die Klientin/der Klient nicht gewachsen sieht? > Inspiration: Auswirkungen
  • Bleiben in der Veränderung wertvolle, geliebte, wichtige Sachen auf der Strecke oder werden zu wenig geachtet? > Inspiration: Bewahrenswertes




Fähigkeiten für die Gesprächsführung


Folgende Kommunikationsfähigkeiten sind hilfreich, um lösungsorientiert arbeiten zu können:

  • Eine Haltung des Nichtwissens einnehmen.
  • Dem Gegenüber zuhören.
  • Pausen und Schweigen zulassen.
  • Die Sprache des Gegenübers verwenden.
  • Zusammenfassen und Komplimente machen.
  • Das Gegenüber als fähig für eigene Lösungen bestärken.
Sie klingen ganz einfach, sind aber nicht leicht zu handhaben. Insoo Kim Berg sagte dazu: "It's simple, but not easy."




Wertschätzende Beziehungsgestaltung


Komplimente geben ist eines der wichtigsten Instrumente in der lösungsorientierten Arbeit. Eine wertschätzend und hoffnungsvoll gestaltete Beratungsbeziehung erhöht erwiesenermassen den Erfolg der Zusammenarbeit. Fragetechniken wie Ressourcen-Fragen, Reframing-Fragen, Splitting-Fragen, Coping-Fragen, Normalisierungs-Fragen bieten vielerlei Möglichkeiten, eine Atmosphäre der Anerkennung und Würdigung zu kreieren. Folgende Faktoren sind für eine wertschätzende Beziehungsgestaltung zu beachten:

  • Empathie
  • Bedingungslose Akzeptanz
  • Empowerment (Klientin/Klient bestimmt seine Ziele und Lösungen)
  • Positive Kommentare, positives Feedback
  • Komplimente (individuell und spezifisch)
  • Authentizität und Kongruenz (echte Anerkennung, keine Floskeln)